Georg Kreisler - weder noch.
Grabschrift der Schwalbe
Ich, die verwundete Schwalbe, drei Tage des Menschen
Genossin,
Sahe den schrecklichen Tod freundlicher werden und
starb:
Schwestern im Blau, fliegt schweigend hier überhin, wo
sich das Geistlein
Schüttelt und ringt nach Ruf, wenn es euch Rufende hört.
Gönnt mir Schweigen und singt, singt anderswo, wenn ihr
das Meer wagt:
Nicht ganz, nicht ganz stumm flattert ich eine beiseit.
Rudolf Borchardt: Ausgewählte Gedichte. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1968, S. 76.
Pause
Hinter den tiefsten Erinnerungen
Verwächst die Zeit;
Die alten Wege waren tief und breit,
Nun hat die Welt sie überdrungen.
„O Rauschen tief in mir,
Was aber hast du, das ich gerne hörte?
Ist denn ein Ton in dir,
Der mich nicht störte?”
„Ich habe nichts als Rauschen,
Kein Deutliches erwarte dir;
Sei dir am Schmerz genug, in dich zu lauschen.“
(…) Dann gehen Sie wieder einmal über die Straße, gebückt und verdrossen. Sie wissen. Man darf nicht sagen: Die Straße ist ein Ding, das… Aber Sie haben vergessen, was das eigentlich ist. Sie erinnern sich damals gesagt zu haben: “Etwas Vielverzweigtes, Geheimnisvolles und Rätselvolles mit Fallgruben und unterirdischen Gängen, versteckten Kerkern und vergrabenen Kirchen - -” Aber Sie wissen nicht mehr, was Sie damit anfangen sollen.
Robert Musil: Aus dem stilisierten Jahrhundert (Die Straße). In ders.: Aus den Tagebüchern. Frankfurt: Suhrkamp 1963, S. 17
ad ‘seelentaubhaut’, ein Jahr später.
Terzinen über die Liebe
Sieh jene Kraniche in großem Bogen!
Die Wolken, welche ihnen beigegeben
Zogen mit ihnen schon, als sie entflogen
Aus einem Leben in ein andres Leben.
In gleicher Höhe und mit gleicher Eile
Scheinen sie alle beide nur daneben.
Dass also keines länger hier verweile
Dass so der Kranich mit der Wolke teile
Den schönen Himmel, den sie kurz befliegen
Und keines andres sehe als das Wiegen
Des andern in dem Wind, den beide spüren
Die jetzt im Fluge beieinander liegen.
So mag der Wind sie in das Nichts entführen;
Wenn sie nur nicht vergehen und sich bleiben
So lange kann sie nichts berühren
So lange kann man sie von jedem Ort vertreiben
Wo Regen drohen oder Schüsse schallen
So unter Sonn und Monds wenig verschiedenen Scheiben
Fliegen sie hin, einander ganz verfallen.
Wohin, ihr?
Nirgendhin.
Von wem wem entfernt?
Von allen.
Ihr fragt, wie lange sind sie schon beisammen?
Seit kurzem.
Und wann werden sie sich trennen?
Bald.
So scheint die Liebe Liebenden ein Halt.
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Bertolt Brecht
In: Bertolt Brechts ‘Terzinen über die Liebe’. Hg. und mit einer Dokumentation versehen und erläutert von Jan Knopf. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1998, o.S.

Es ist also auch der Körper selbst, der Leib, “mein” Körper, der fremd ist. (…) Das Fremd-Sein ist der Körperlichkeit inhärent. Vor allem anderen dehnt sich der Körper aus, und diese Ausdehnung entwindet ihn dem unwirklichen Zustand eines Punktes. Der Körper kann nicht dimensionslos gesagt werden. Aber seine Dimension, als seine Dimensionen bilden ebenso viele Distanznahmen: Die anderen Körper müssen auf Abstand gehen. Dieser Abstand eröffnet die Grundlagen ihrer Beziehungen - ihrer Kontakte, ihrer Konfrontationen, ihrer Blicke, ihres Zuhörens, ihrer Geschmäcker und Reize. (…)
Es ist dennoch nicht so, dass die “Kunst” die Fremdheit dieses Körpers einhegte und folglich verringerte. Ganz im Gegenteil: Sie exponiert sie und höhlt sie aus oder akzentuiert sie, sie übertreibt sie bei Bedarf, sie verschlimmert sie, sie jagt ihr nur nach, um sie besser entwischen zu lassen. Insgesamt gesagt: Sie öffnet ihr den Raum für eine grenzenlose Ausbreitung.
WIR LAGEN
schon tief in der Macchia, als du
endlich herankrochst.
Doch konnten wir nicht
hinüberdunkeln zu dir:
es herrschte
Lichtzwang.
