Terzinen über die Liebe


Sieh jene Kraniche in großem Bogen!

Die Wolken, welche ihnen beigegeben

Zogen mit ihnen schon, als sie entflogen


Aus einem Leben in ein andres Leben.

In gleicher Höhe und mit gleicher Eile

Scheinen sie alle beide nur daneben.


Dass also keines länger hier verweile

Dass so der Kranich mit der Wolke teile

Den schönen Himmel, den sie kurz befliegen


Und keines andres sehe als das Wiegen

Des andern in dem Wind, den beide spüren

Die jetzt im Fluge beieinander liegen.


So mag der Wind sie in das Nichts entführen;

Wenn sie nur nicht vergehen und sich bleiben

So lange kann sie nichts berühren


So lange kann man sie von jedem Ort vertreiben

Wo Regen drohen oder Schüsse schallen

So unter Sonn und Monds wenig verschiedenen Scheiben


Fliegen sie hin, einander ganz verfallen.

Wohin, ihr?

                   Nirgendhin.

Von wem wem entfernt?

                                         Von allen.

Ihr fragt, wie lange sind sie schon beisammen?

Seit kurzem.

Und wann werden sie sich trennen?

                                                                    Bald.

So scheint die Liebe Liebenden ein Halt.

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Bertolt Brecht

In: Bertolt Brechts ‘Terzinen über die Liebe’. Hg. und mit einer Dokumentation versehen und erläutert von Jan Knopf. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1998, o.S.

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